Nachdem meine Mutter mit ihren Arbeiten auf dieser Webseite gewisssermassen Leben eingehaucht wurde, gibt es ergänzend auch einen Beitrag zu meinem Vater. Er war für mich künstlerisch wegweisend. Schon als junger Mann war er ein begeisterter Sammler von Dada und die Dadaisten, die er damals kennenlernte, als sie alle bereits zwischen 60 und 80 Jahren alt und hocherfreut waren, dass sich ein so jungen Sammler für sie interessierte und sie bewunderte. Er hat damals in der Buchhandlung von Dr. Oprecht gearbeitet und ist viele der Migranten, die dort verkehrten, begegnet.
Die Dichterin Else Lsker Schüler, welcher er begegnet ist, staunte über eine grosse Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Sohn und sie wollte ihn kennenlernen und so trafen sich darauf mehrfach. u
Als die Dichterin auch seine Mutter kennenlernenwollte, sie stammte aus einem komplett anderen Milieu, war eine Bauerntochter aus der Innerschweiz, bereitete mein Vater seine Mutter auf diese Begegnung vor, die deutsche Dichterin, eine merkwürdig gekleidete, stark geschminkte und mit künstlichem Schmuck behangene und hochdeutsch sprechende Dame wünsche sie kennenzulernen – Falls sie stattfand, muss es eine sehr seltsame Begegnung gewesen sein…
Das Leben von Hans Bolliger war ganz der modernen Kunst des 20. Jahrhundert gewidmet. Er hat zahlreiche Künstler, Max Ernst, Hans Arp, Chagall, Tinguely, Lunginbühl, Sam Francis, Horst Jansen und viele weitere persönlich gekannt.
Ich wuchs in einer kleinen Wohnung in der Zürcher Altstadt auf inmitten von dem, was man damals als «moderne Kunst» bezeichnete, auf und sie war für mich ganz einfach normal. In unserer Wohnung hing das «Repas frugal» von Picasso, ein von meinem Vater lebenslang gehüteter Schatz, ein Hauptwerk Picassos, das er sich als Finderlohn hatte aussuchen dürfen, nachdem er aus einem Papierkorb an seinem Arbeitsplatz, der Zentralbibliothek, eine unerklärlicherweise achtlos weggeworfene Rolle mit Picasso-Radierungen gerettet und sie der Geschäftsleitung übergeben hatte.
Ausserdem hing damals die heute berühmte Collage von Max Ernst bei uns «Das Schlafzimmer des Künstlers; es lohnt sich, darin eine Nacht zu verbringen«in unserer Stube, es gab eine Frottage von Max Ernst, ein Relief und eine Plastik von Hans Arp, sowie Holzschitte und Zeichnungen von Kirchner – das hat mich als Kind geprägt und war für mich, im Unterschied zu anderen Kindern für mich ganz einfach selbstverständlich. In der Sekundarschule wählte ich als mein Vortragsthema Pablo Picasso und ich stritt mit unserem Zeichenlehrer, der meine farbigen Bäume als unrealistisch kritisierte, Expressionismus war ihm fremd aber für mich normal, so dass ich meine Farben frei wählte.
Eine noch weiter zurückreichende Kindheitserinnerung ist ein Besuch von Hans Arp bei uns im kleinen Wohnzimmer, wo er sass, Kaffee trank und Arbeiten und Bücher signierte, die ihm mein Vater vorlegte. Mich beeindruckte dabei, dass er separat auf einem leeren Blatt Papier den Schwung seiner Unterschrift einübte, noch bevor er die Originale signierte.
Meine Eltern trennten sich früh und liessen sich später scheiden. Mein jüngerer Bruder und ich blieben in Zürich bei unserer Mutter, während mein Vater nach Bern zog, wo er viele Jahre im Auktionshaus Kornfeld arbeitete und als Junggeselle lebte, aber mit 50 nochmals heiratete, und Vater unserer über zwanzig Jahre jüngeren Halbschwester wurde.
Hans Bolliger zog mit seiner neuen Familie nach Zürich zurück und betrieb ein eigenes Antiquariat, war Biograf und Bibliograf vieler Künstlermonografien und als Dada-Sammler und ‑Kenner gefragt und wurde mit der Ehrendoktorwürde der Universität Zürich für seine Dada-Forschung geehrt. Er hatte es immer als Makel empfunden aus einfacheren Verhältnissen zu stammen als die meisten, in deren Gesellschaft er verkehrte und Dr.Hc phil zu werden, war ein grosses Ereignis und eine Genugtuung: er war dort angekommen, wo er sich das immer gewünscht hatte. Fast gleichzeitig verkaufte er seine kompletten Max Ernst Grafik-Sammlung Bonn, der Heimatstadt von Max Ernst. Umgeben von allen Mitgliedern seiner Familie reiste er zur feierlichen Vernissage die dort im Beisein von Richard von Weizäcker dort stattfand.
Zum Video: Hans Bolliger wurde 1915 geboren und starb 2002, also in einer Zeit, in der noch wenig digital abrufbar war. 1994 wurde er vom damals noch sehr jungen Juri Steiner, heute einem der wichtigen Museumsleitern der Schweiz interviewt. Es ist neben dem Tondokument seiner Erinnerungen an die Dichterin Else Lasker-Schüler das einzige Dokument, in dem mein Vater im Originalton zu Wort kommt und hier als Vikdeo abrufbar.