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Mein Vater war Dada-Experte und ein Spezialist für Kunst und Literatur des 20.Jahrhundert
Das Interview mit Juri Steiner aus dem Jahr 1994
http://www.exil-archiv.de/audio/bolliger/bolliger-o-ton.mp3

Hans Bolliger, der Dada-Kenner, mein Vater im Interview

Nach­dem mei­ne Mut­ter mit ihren Arbei­ten auf die­ser Web­sei­te gewiss­ser­mas­sen Leben ein­ge­haucht wur­de, gibt es ergän­zend auch einen Bei­trag zu mei­nem Vater. Er war für mich künst­le­risch weg­wei­send. Schon als jun­ger Mann war er ein begeis­ter­ter Samm­ler von Dada und die Dada­is­ten, die er damals ken­nen­lern­te, als sie alle bereits zwi­schen 60 und 80 Jah­ren alt und hoch­er­freut waren, dass sich ein so jun­gen Samm­ler für sie inter­es­sier­te und sie bewun­der­te. Er hat damals in der Buch­hand­lung von Dr. Oprecht gear­bei­tet und ist vie­le der Migran­ten, die dort ver­kehr­ten, begeg­net.

Die Dich­te­rin Else Lsker Schü­ler, wel­cher er begeg­net ist, staun­te über eine gros­se Ähn­lich­keit mit ihrem ver­stor­be­nen Sohn und sie woll­te ihn ken­nen­ler­nen und so tra­fen sich dar­auf mehr­fach. u

Als die Dich­te­rin auch sei­ne Mut­ter ken­nen­ler­nen­woll­te, sie stamm­te aus einem kom­plett ande­ren Milieu, war eine Bau­ern­toch­ter aus der Inner­schweiz, berei­te­te mein Vater sei­ne Mut­ter auf die­se Begeg­nung vor, die deut­sche Dich­te­rin, eine merk­wür­dig geklei­de­te, stark geschmink­te und mit künst­li­chem Schmuck behan­ge­ne und hoch­deutsch spre­chen­de Dame wün­sche sie ken­nen­zu­ler­nen – Falls sie statt­fand, muss es eine sehr selt­sa­me Begeg­nung gewe­sen sein…

Das Leben von Hans Bol­li­ger war ganz der moder­nen Kunst des 20. Jahr­hun­dert gewid­met. Er hat zahl­rei­che Künst­ler, Max Ernst, Hans Arp, Chagall, Tin­gue­ly, Lung­in­bühl, Sam Fran­cis, Horst Jan­sen und vie­le wei­te­re per­sön­lich gekannt.

Ich wuchs in einer klei­nen Woh­nung in der Zür­cher Alt­stadt auf inmit­ten von dem, was man damals als «moder­ne Kunst» bezeich­ne­te, auf und sie war für mich ganz ein­fach nor­mal. In unse­rer Woh­nung hing das «Repas fru­gal» von Picas­so, ein von mei­nem Vater lebens­lang gehü­te­ter Schatz, ein Haupt­werk Picas­sos, das er sich als Fin­der­lohn hat­te aus­su­chen dür­fen, nach­dem er aus einem Papier­korb an sei­nem Arbeits­platz, der Zen­tral­bi­blio­thek, eine uner­klär­li­cher­wei­se acht­los weg­ge­wor­fe­ne Rol­le mit Picas­so-Radie­run­gen geret­tet und sie der Geschäfts­lei­tung über­ge­ben hat­te.

Aus­ser­dem hing damals die heu­te berühm­te Col­la­ge von Max Ernst bei uns «Das Schlaf­zim­mer des Künst­lers; es lohnt sich, dar­in eine Nacht zu verbringen«in unse­rer Stu­be, es gab eine Frot­ta­ge von Max Ernst, ein Reli­ef und eine Plas­tik von Hans Arp, sowie Holz­s­chit­te und Zeich­nun­gen von Kirch­ner – das hat mich als Kind geprägt und war für mich, im Unter­schied zu ande­ren Kin­dern für mich ganz ein­fach selbst­ver­ständ­lich. In der Sekun­dar­schu­le wähl­te ich als mein Vor­trags­the­ma Pablo Picas­so und ich stritt mit unse­rem Zei­chen­leh­rer, der mei­ne far­bi­gen Bäu­me als unrea­lis­tisch kri­ti­sier­te, Expres­sio­nis­mus war ihm fremd aber für mich nor­mal, so dass ich mei­ne Far­ben frei wähl­te.

Eine noch wei­ter zurück­rei­chen­de Kind­heits­er­in­ne­rung ist ein Besuch von Hans Arp bei uns im klei­nen Wohn­zim­mer, wo er sass, Kaf­fee trank und Arbei­ten und Bücher signier­te, die ihm mein Vater vor­leg­te. Mich beein­druck­te dabei, dass er sepa­rat auf einem lee­ren Blatt Papier den Schwung sei­ner Unter­schrift ein­üb­te, noch bevor er die Ori­gi­na­le signier­te.

Mei­ne Eltern trenn­ten sich früh und lies­sen sich spä­ter schei­den. Mein jün­ge­rer Bru­der und ich blie­ben in Zürich bei unse­rer Mut­ter, wäh­rend mein Vater nach Bern zog, wo er vie­le Jah­re im Auk­ti­ons­haus Korn­feld arbei­te­te und als Jung­ge­sel­le leb­te, aber mit 50 noch­mals hei­ra­te­te, und Vater unse­rer über zwan­zig Jah­re jün­ge­ren Halb­schwes­ter wur­de.

Hans Bol­li­ger zog mit sei­ner neu­en Fami­lie nach Zürich zurück und betrieb ein eige­nes Anti­qua­ri­at, war Bio­graf und Biblio­graf vie­ler Künst­ler­mo­no­gra­fien und als Dada-Samm­ler und ‑Ken­ner gefragt und wur­de mit der Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Zürich für sei­ne Dada-For­schung geehrt. Er hat­te es immer als Makel emp­fun­den aus ein­fa­che­ren Ver­hält­nis­sen zu stam­men als die meis­ten, in deren Gesell­schaft er ver­kehr­te und Dr.Hc phil zu wer­den, war ein gros­ses Ereig­nis und eine Genug­tu­ung: er war dort ange­kom­men, wo er sich das immer gewünscht hat­te. Fast gleich­zei­tig ver­kauf­te er sei­ne kom­plet­ten Max Ernst Gra­fik-Samm­lung Bonn, der Hei­mat­stadt von Max Ernst. Umge­ben von allen Mit­glie­dern sei­ner Fami­lie reis­te er zur fei­er­li­chen Ver­nis­sa­ge die dort im Bei­sein von Richard von Weiz­äcker dort statt­fand.

Zum Video: Hans Bol­li­ger wur­de 1915 gebo­ren und starb 2002, also in einer Zeit, in der noch wenig digi­tal abruf­bar war. 1994 wur­de er vom damals noch sehr jun­gen Juri Stei­ner, heu­te einem der wich­ti­gen Muse­ums­lei­tern der Schweiz inter­viewt. Es ist neben dem Ton­do­ku­ment sei­ner Erin­ne­run­gen an die Dich­te­rin Else Las­ker-Schü­ler das ein­zi­ge Doku­ment, in dem mein Vater im Ori­gi­nal­ton zu Wort kommt und hier als Vik­deo abruf­bar.