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Jaquet Jean-Michel

Jaquet Jean-Michel

«Ich habe Sehn­sucht nach etwas, das es nicht gibt. Durch das Zeich­nen suche ich danach, manch­mal kom­me ich ihm nahe, aber ich fin­de es nie, denn die­ses Etwas exis­tiert nicht.» (Jean-Michel Jaquet)

Jean-Michel Jaquet zeich­net seit jeher. Sei­ne Lini­en­füh­rung folgt einem indi­vi­du­el­len Weg, einer magi­schen, unru­hi­gen und dis­so­nan­ten Ader, in der man ein Echo des Uni­ver­sums von Bosch, Goya, Lou­is Sout­ter, Paul Klee, sei­nem geis­ti­gen Vater, oder auch der reli­giö­sen Kom­po­si­tio­nen des Schwei­zer Künst­lers Niklaus Manu­el Deutsch aus dem 15. Jahr­hun­dert erken­nen könn­te. Sein Stil lässt eine per­sön­li­che und sym­bo­li­sche Kosmo­go­nie ent­ste­hen, in der die indi­vi­du­el­le Geschich­te auf den Arche­typ und eine uni­ver­sel­le Dimen­si­on trifft. Man begeg­net der Eupho­rie des Hei­li­gen Chris­to­pho­rus, der Mas­ke, der Lie­be, der Zwil­lings­haf­tig­keit, dem gefal­le­nen Engel, dem Tod, der Auf­er­ste­hung. Weit davon ent­fernt, Aus­druck roher Spon­ta­nei­tät zu sein, wird Jean-Michel Jaquets kom­pro­miss­lo­ses Zei­chen von viel­fäl­ti­gen Refe­ren­zen und Wis­sen beglei­tet und genährt. Lesen, Beob­ach­tungs­zeich­nen, Kopie­ren nach der Natur und das rea­le Leben bil­den ein unend­li­ches for­ma­les Reper­toire, aus dem sich der Künst­ler sei­nen per­sön­li­chen und not­wen­di­gen Weg bah­nen konn­te. Gren­zen, Stren­ge, täg­li­ches Üben und das Schau­spiel der Welt sind mit ande­ren Wor­ten die unver­zicht­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen für die Erobe­rung einer wil­den Impro­vi­sa­ti­on. Die Sedi­men­tie­rung und Ver­in­ner­li­chung die­ser Bil­der und Erin­ne­run­gen füh­ren nach und nach zu einem Zei­chen, das durch sei­ne Öko­no­mie und Vita­li­tät berührt, wie er es in einem sei­ner poe­tischs­ten Tex­te aus­drückt: «Die Vor­be­rei­tung ist lang­sam, die Hand­lung ist kurz. Wie bei einem Schmet­ter­ling.»

Ange­sichts des unge­stü­men Zei­chens von Jean-Michel Jaquet, ange­sichts die­ser pri­mi­ti­ven und reue­los-unr­ep­en­tan­ten Vita­li­tät, die den­noch von einer Übung des Blicks genährt wird, neh­men wir viel­leicht die Inten­si­tät wahr, die dem Ansatz des Künst­lers eigen ist. Die­sel­be Inten­si­tät, die ihn in sei­ner Art, in der Welt zu sein, lei­tet. Das Zeich­nen und Schrei­ben wer­den von der­sel­ben Ener­gie und dem­sel­ben Ziel gelei­tet: eine Ein­heit, eine All­ge­gen­wart zwi­schen inne­rer Emo­ti­on und äus­se­rem Aus­druck wie­der­zu­fin­den. Eine Art «Rück­kehr zum Akt», die uns an die Absicht den­ken lässt, die den Zeich­nun­gen der Maler von Las­caux oder Alta­mi­ra zugrun­de liegt. Das Zei­chen, das im Lee­ren schwebt und sich über Syn­tax, Per­spek­ti­ve oder Model­lie­rung hin­weg­setzt, wür­de zur ein­zig mög­li­chen Spur wer­den, zum Bestand­teil einer indi­vi­du­el­len Mytho­lo­gie, in der die Welt der Men­schen und Nicht-Men­schen zu einer ursprüng­li­chen Ein­heit ver­bun­den wäre, ohne Hier­ar­chie, herm­aphro­di­tisch und unauf­lös­bar.

Jean-Michel Jaquet wur­de 1950 in La Chaux-de-Fonds gebo­ren und starb dort am 11. Juli 2022.Nach sei­nem Stu­di­um an der Éco­le des arts déco­ra­tifs in Genf (1968–1971) wid­me­te er sich haupt­säch­lich sei­ner bil­den­den Kunst. Nach Auf­ent­hal­ten in Frank­reich und Ägyp­ten kehr­te er 1999 in die Schweiz zurück, wo er in Cor­sier-sur Vevey lebt und arbei­tet. Im Jahr 2020 lässt er sich in sei­ner Geburts­stadt La Chaux-de-Fonds nie­der. Sei­ne Wer­ke wer­den in der Schweiz und im Aus­land aus­ge­stellt und sind in zahl­rei­chen öffent­li­chen und pri­va­ten Samm­lun­gen ver­tre­ten.

Anto­nia Nes­si, Juni 2022 anläss­lich einer Aus­stel­lung in der Fon­da­ti­on Lou­is Moret, 12.06.–28.08.2022

1 Werk von Jaquet Jean-Michel.