Sisi Bolliger, 1916–2010, hatte zusammen mit Werner Bischof an der Kunstgewerbeschule bei Hans Finsler Fotografin gelernt, war Finslers Assistentin, hatte dann geheiratet und mich und meinen Bruder geboren, war später Hausfrau und musste später, geschieden als alleinerziehende Mutter, bei zwei Fotografen als Fotolaborantin, als Näherin in einem Innenarchitekturgeschäft mit Halsketten, die sie anfertigte oder mit Stricken auf Bestellung ihren und unseren Lebensunterhalt verdienen, so dass für eine eigene künstlerische Tätigkeit während vieler Jahre wenig Zeit und Energie blieb. Sie arbeitete weit über das Pensionsalter hinaus bis gegen die Jahrtausendwende, doch als ihr erster Enkel zur Welt kam, begann sie, sich wieder kreativ zu betätigen. Wie sich erst später zeigte, startete sie damals mit jener kleinen quadratischen Stickerei in schwarzem Rahmen, die hier in die Flasche montiert ist und auf der Rückseite des Rahmens von ihr als «1980, ein glücklicher Sommer» bezeichnet wurde. Darauf experimemtierte sie in der Mola-Technik der Kuna-Indianer, inspirierte von den damals hierzulande in Warenhäusern ausgestellten und verkauften Originalen und wechselte danach zu sehr sorgfältig ausgeführten kleinen Farbstift-Farbkompositionen, die sie ausschliesslich für sich zuhause «im stillen Kämmerlein» als Freizeit-Beschäftigung anfertigte und nebenbei als Geburtstagsgeschenke den engsten Angehörigen und auserwählten Freunden schenkte.
Sie beschäftigte sich mit diesen Zeichnungen, ohne je etwas auszustellen und nur wenige Leute, die sie kannten davon wussten. Sie meinte, das Ausarbeiten und Ausbalancieren der Kompositionen, von welchen sie auch nachträglich einige wieder hervornahm und weiterbearbeitete, sei für sie spannend und halte sie in Atem wie das Lösen eines Kreuzworträtsels.
Dreissig Jahre lang hat ihr diese Beschäftigung die Zeit verkürzt. Sie selber hätte sich wohl nicht als Künstlerin bezeichnet, aber das Entstehen der Arbeiten abseits der Öffentlichkeit und zur eigenen Freude und Genugtuung hat sie mit authentischen Aussenseitern gemeinsam. Die Qualität der von ihr verschenkten oder nachgelassenen Zeichnungen und Textilien ist unbestreitbar und ihre Arbeiten sind genauso interessant wie Arbeiten von LaienkünstlerInnen. Sie wäre wohl zu bescheiden gewesen und hätte sich vielleicht dagegen gewehrt, aber ich entschloss mich, sie auf dieser Seite zu zeigen, weil ich sie nach wie vor bewundere und auch in Erinnerung an unsere ganz grossartige Mutter und die Lebenskünstlerin, die eine ganz grossartige Erzieherin gewesen ist, die ich geliebt und verehrt habe, ganz ungeachtet dessen, dass sie ja einst eine Fotografen-Ausbildung absolviert hat, also wirklich nicht als «Laienkünstlerin» bezeichnet werden kann.