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Rolf Bergmann, sein Biograf, leider 2015 verstorben, hier bei einem seiner letzten Auftritte, erinnerte sich an Ernst Kolb…

(Auf der immer noch bestehen­den Web­sei­te von Rolf Berg­mann publi­ziert)

Ernst Kolb kreuz­te 1977 in Mann­heim mei­nen Weg. Das war nichts Unge­wöhn­li­ches, denn «Bür­ger Kolb», wie er spä­ter genannt wur­de, lief vie­len über den Weg. Unge­wöhn­li­cher wäre gewe­sen, ihn nicht zu ken­nen. Er war über­all dabei, beson­ders bei Ver­nis­sa­gen (die damals noch Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen hies­sen). 1984 schrieb ich eine Kurz­ge­schich­te über ihn, «Der Mann mit der Plas­tik­ta­sche», nach einem Uten­sil, das er immer bei sich trug. Sie erschien am 3. Novem­ber 1984 im «Mann­hei­mer Mor­gen» und hob mit einem Schlag Kolbs Anse­hen in der Stadt – ein­fach durch die Tat­sa­che, dass ein Lite­rat ihn als Held einer Kurz­ge­schich­te aus­ge­wählt hat­te. Doch in Ernst Kolb steck­te noch weit­aus mehr. Ins­ge­heim war er ein Künst­ler, und ein Jahr spä­ter über­rasch­te er uns alle mit sei­ner ers­ten Aus­stel­lung von Blei­stift- und Kugel­schrei­ber­zeich­nun­gen. Das manch­mal noch belä­chel­te Ori­gi­nal ent­pupp­te sich plötz­lich als ernst­zu­neh­men­der Zeich­ner.

Auf dem Höhe­punkt sei­ner Popu­la­ri­tät waren Ernst Kolb lei­der nur noch weni­ge Jah­re ver­gönnt. Es gab noch eini­ge Aus­stel­lun­gen sei­ner Wer­ke in Mann­heim, ich schrieb noch eine Geschich­te über ihn, die im «Bür­ger­buch 1988» erschien, ein Nach­schla­ge­werk über die Stadt Mann­heim, das jeder Haus­halt kos­ten­los zuge­stellt bekam. Kolb war damit eine rich­ti­ge Num­mer in der Stadt.

1991 erlitt er einen Schlag­an­fall, 1993 starb er im Alter von 65 Jah­ren.

Wie das so geht: Erst in aller Mun­de, dann schlag­ar­tig ver­ges­sen. Das Schick­sal vie­ler Künst­ler: Ent­we­der, sie wer­den nach ihrem Tod erst rich­tig inter­es­sant, wie Kaf­ka zum Bei­spiel, oder sie fal­len der Ver­ges­sen­heit anheim. Ich stand als einer der weni­gen ihm noch ver­blie­be­nen Freun­de an sei­nem Toten­bett. Für mich war klar: Kolbs Andenken soll­te gewahrt blei­ben.

Fami­lie hat­te er kei­ne mehr. Sei­ne Mut­ter war schon 1941 von den Nazis in Gra­feneck ver­gast wor­den (das wuss­ten wir damals frei­lich nicht), sein Vater starb 1964, die älte­re Schwes­ter Ruth 1974 in Wies­loch. Wenig, nur das Aller­nö­tigs­te, hat er von sich erzählt. Kei­ner kann­te ihn rich­tig, er hat­te immer nur in der Gegen­wart gelebt. Das waren schlech­te Vor­aus­set­zun­gen, ihm ein lite­ra­ri­sches Denk­mal zu set­zen. Ich ver­such­te es trotz­dem. Ich nann­te das Buch «Der Mann mit der Plas­tik­ta­sche – Erin­ne­run­gen an den Bür­ger Kolb». Es erschien im Jahr 2000 im Mar­si­li­us Ver­lag, Spey­er.  Eine Bio­gra­phie konn­te es nicht sein, es war ein sub­jek­ti­ves Erin­ne­rungs­buch.

2009 erhielt ich Zugang zum bis­her ver­schol­len geglaub­ten Nach­lass, in dem sich auch Kolbs Tage­bü­cher befan­den. Aller­dings in einer Süt­ter­lin­schrift, die schwer zu ent­zif­fern ist. Frank Heu­er von den Dresd­ner Lite­ra­tur­nern half mir als Schrift­ex­per­te dabei. Das dau­er­te frei­lich, und so bin ich erst im Jahr 2013 mit mei­nem neu­en Buch über Ernst Kolb fer­tig gewor­den.

Am 20. Novem­ber 2013 erschien die Bio­gra­phie «Ernst Kolb – Bäcker Bür­ger Künst­ler» im Well­hö­fer Ver­lag in Mann­heim (Nähe­res auch unter «Aktu­el­les» und «Bücher»).

Hier folgt ein Spe­zi­al-Blog über neue Erkennt­nis­se zu Ernst Kolb für Leser sei­ner Bio­gra­phie, mit Erkennt­nis­sen, die erst nach der Ver­öf­fent­li­chung des Buches mir bekannt wur­den. Die­ser Blog wird stän­dig wei­ter­ge­führt. Per­so­nen, die Kolb noch per­sön­lich kann­ten, sind ein­ge­la­den, wei­te­re Details bei­zu­tra­gen.

Ernst Kolbs gros­se Lie­be Chris­ta war die Toch­ter des Bäcker­meis­ters Wil­helm Förs­ter in der Gar­ten­feld­stras­se 14 in Mann­heim-Neckar­stadt. Nach den Unter­la­gen sei­ner Ren­ten-Arbei­ter-Ver­si­che­rung war Ernst Kolb vom 1. Janu­ar 1952 – 13. Juni 1953 beim Bäcker Förs­ter beschäf­tigt, also genau in der Zeit, als sei­ne Roman­ze mit Chris­ta Förs­ter begann. Wenn ein Bäcker­ge­sel­le die Toch­ter sei­nes Bäcker­meis­ters hei­ra­ten will, so ist das kei­ne ganz absei­ti­ge Ver­bin­dung und kann dem Geschäft nur gut­tun. Doch die Eltern, vor allem die Mut­ter, waren dagegen…8.10.2014

Frau Saskia Kress lern­te Ernst Kolb als Kind in der Gale­rie ihres Vaters auf dem Lin­den­hof ken­nen. Sie schrieb mir Fol­gen­des: «Mein Vater hat­te in den 90er Jah­ren und dar­über hin­aus eine Gale­rie in Mann­heim-Lin­den­hof «Gale­rie ArtecN°1». Als Kin­der waren wir immer bei den Aus­stel­lungs-Eröff­nun­gen dabei und haben Künst­ler, Spre­cher, ver­schie­de­ne Kunst­rich­tun­gen und einen Hauch von Mann­heims Kunst­sze­ne ken­nen gelernt. Irgend­wann tauch­te ein dicker Mann mit Plas­tik­tü­te und in einer karier­ten Jacke auf. Als Kind fand ich ihn fas­zi­nie­rend. Er pass­te so gar nicht zu den ande­ren. Meist setz­te er sich mit einem Schop­pen und etwas zu knab­bern an den Tisch wo das Gäs­te­buch lag und begann zu zeich­nen im Gäs­te­buch. Sein Blick war warm und freund­lich und er war inter­es­siert an jedem Gesprächs­part­ner. Sogar an mir als Kind. Beob­ach­tend sah ich, wie er nur mit Kuli an einer Ecke begin­nend ein Bild schuf, das vol­ler Phan­ta­sie und ent­rück­ter Wirk­lich­keit war. Er zeich­ne­te Men­schen, wie ich es nicht kann­te, aber so schnell und ohne Kor­rek­tur, dass es erschien, als sehe er ganz klar das fer­ti­ge Bild schon beim ers­ten Kulistrich. 20.10.2014

Heu­te wäre Ernst Kolb 87 Jah­re alt gewor­den. Sei­nen Geburts­tag nahm er immer wich­tig, wenn ihm nie­mand gra­tu­lier­te (da er kei­ne Fami­lie hat­te), mal­te er schon mal selbst ein Gra­tu­la­ti­ons­blatt für sich. Doch inzwi­schen den­ken ande­re Men­schen an ihn, für die er nicht nur ein Ori­gi­nal, son­dern Mensch und Künst­ler war. Schön auch, dass noch bis zum 25. Okto­ber sei­ne Zeich­nun­gen in der Gale­rie Iso­la in Frank­furt am Main gezeigt wer­den. 22.10.2014

400 Jah­re Rubens – auch die Geburts­ta­ge ande­rer Künst­ler waren Kolb wich­tig. 1977 fuhr Ernst Kolb nach Ant­wer­pen, um an den Fei­er­lich­kei­ten des Rubens-Jah­res teil­zu­neh­men. Im König­li­chen Muse­um der schö­nen Küns­te fand eine gros­se Rubens-Aus­stel­lung statt, gezeigt wur­den 109 Gemäl­de und Ölskiz­zen und 64 Zeich­nun­gen. Kolb hält sich cir­ca zwei Wochen in Bel­gi­en auf, besucht auch noch Brüs­sel und besich­tigt, wie es sei­ne Art ist, sämt­li­che Muse­en und Sehens­wür­dig­kei­ten ent­lang sei­nes Weges. (Aus sei­nem inzwi­schen ent­zif­fer­ten Tage­buch vom 15. Mai – 5. Okto­ber 1977.) 26.10.2014

Zu dem Bei­trag von Frau Saskia Kress fand ich eine Zeich­nung des welt­be­kann­ten Kari­ka­tu­ris­ten Bubec, der am 21. Sep­tem­ber 1985 in der Gale­rie Artect N°1 bei Nico Kress Kolb zeich­ne­te. Bubec, unter dem Namen Lutz Backes in Mann­heim gebo­ren, hat­te eine beson­de­re Bezie­hung zur Stadt und sicher auch zu Ernst Kolb. (25. 2. 2015)